Thirlestane Castle - in der Front-Ansicht
Thirlestane Castle – in der Front-Ansicht

Ich war in den Lowlands unterwegs. Die liegen unterhalb von Edinburgh und Glasgow, wobei ich nur unterhalb von Edinburgh war.

Der Tag fing mit Regen an, und es sah aus, als sollte es kein schöner Tag werden – aber es wurde zu einem der besten, den ich je hatte!

Meine erste Station, nachdem ich erst mal in meinem heißgeliebten tesco einkaufen war, war Thirlestane Castle. Ich wollte hier unbedingt hin wegen einem einzigen Zimmer, was eine der schönsten, kitschigsten und prunkvollsten Stuckdecken haben sollte, die es heute noch gibt. Ich hatte es vorher bei meinen Recherchen im Internet gesehen. Und dann kam ich dort an …

Von außen ist das Schloss schon eine Wucht. Es hat viele Türmchen, ist aus braunem Stein erbaut und passt irgendwie nicht nach Schottland – es ist so vollkommen anders als die bisherigen Trutzburgen mit ihren dicken Türmen, die ich gesehen hatte. Freundlichkeit und Romantik strahlt dieses Schloss aus, und durch den braunen Stein wirkt es warm und kuschelig – selbst in dem Regenwetter in dem ich unterwegs war.

Ich habe mich sofort verliebt. Als ich das Haus betrat, blieb ich erst mal wie angewurzelt stehen – meine Herren, was für ein Luxus! Was für ein Interieur! Was für eine schwere, aber urgemütliche Atmosphäre!

Jeder Raum hatte etwas für sich. In dem einen bewundert man die kunstvoll verzierte Decke, in dem anderen blickt man auf dunkel verkleidete Wände die einen an ein Kaminzimmer denken lassen, in dem wohlgekleidete Herren ihren Whisky und ihre Zigarre genießen, im nächsten Raum schaut man auf ganze Wände voll mit Büüüüüüüüüüüüüüüüüüüchern und möchte sich einfach nur tageland dort aufhalten.

Und dann steht man vor einem Billardtisch, so groß, dass ich mich gefragt hatte, wie man daran überhaupt spielen soll! Und dann geht es wieder in eine Bibliothek … Bücher über Bücher die von ganzen Leben erzählen und noch viel mehr gesehen haben!

Tja, und dann … da war er, der Raum weswegen ich gekommen war. Scheußlich kitschig, in unserer heutigen Zeit absolut schrecklich anzusehen. Aber die Decke!!! Feinste Handwerkskunst eines Stuckateurs! Als ich das Zimmer betrat und mich erst mal in Augenhöhe umgesehen hatte (was einfach nur ein Rundblick war, denn das Zimmer war nicht groß) sah ich zur Decke – und mir viel die Kinnlade herunter und bevor ich es aufhalten konnte, schoss ein WOW aus meinem Mund. Und hier begann ein Abenteuer, das mich immer und immer wieder lächeln lässt – und mich stolz macht.

In den Castles sind in vielen oder fast allen Räumen Aufpasser, die eben schauen, dass keiner Unfug macht. Hier stand ein älterer Herr in einer gelben Jacke, er sah so richtig nach Rentner aus. Und er beobachtete mich (was mir zuerst recht unangenehm war), bis er mich dann ansprach.

„Would you like to see the upper storey?” fragte er (ob ich den oberen Stock ansehen möchte). Ich hatte keine Zeit meinen Mund aufzuhalten, den schon schoss es aus mir raus: “Really? Yes, sure, that would be great! Thanks a lot!“ (Wirklich? Ja, sicher, das wäre toll. Vielen Dank). Ich war vollkommen perplex!!! Er nahm mich dann mit zu einer versteckten Tür in der Wand, hinter der sich die Bediensteten-Wendeltreppe befand. In dem Moment, als wir in dem Treppenhaus waren, überkam mich dann doch ein etwas mulmiges Gefühl, muss ich zugeben und ich fragte mich, was ich da schon wieder gemacht hatte, zumal er hinter uns abgeschlossen hatte. Aber das hielt nicht lange an.

Im 4. Stock angekommen, führte er mich zuerst an Räumen vorbei, die total abgerissen und heruntergekommen, aber gefüllt mit den schönsten Kostümen waren.

Er erklärte mir, dass wir in dem unrestaurierten Teil des Hauses sind, da leider die Mittel fehlen, um dieses Stockwerk herzurichten. Die Kostüme sind für verschiedene Veranstaltungen wie Maskenbälle und auch die Schlossbelebung, wenn sowas geplant ist. Das fände regelmäßig statt.

Die Räume waren trocken und es roch eigentlich nur nach Dachboden, aber nicht muffig und ich war erstaunt, wie hell es war.

Und dann führte er mich um eine Ecke – und ich blickte auf das nackte Innenleben des armen Schlosses. Wände bloßgelegt, dunkel und staubig, die Decke war teilweise unverkleidet und es hingen Kabel heraus. Die wundervollen, uralten Fenster teilweise kaputt und mit Pappe oder Holz abgeklebt. Das Untergerüst der Wände, an dem eigentlich Putz und Tapete haften sollte …

Der Boden aufgerissen und nur mit Planken zum Laufen ausgelegt. Mein Führer wies mich vehement darauf hin, dass ich bloß nicht daneben treten soll, sonst würde ich unten wieder rauskommen.

Nach dem langen Flur, von dem auch noch ein paar Zimmer abgingen, die aber verschlossen waren, kamen wir in einen riesigen Raum, vollgestellt mit Antiquitäten – und zwar verstaubt und wild durcheinander und nicht abgedeckt!

Der Boden war uneben, aufgeschüttet, aber nicht wirklich heil, und er führte mich zu einem alten Sekretär, auf dem hochgestapelt Berge von Papieren, Büchern und Zeichnungen lagen.

Er zog einen Brief aus dem Stapel, sah kurz darauf und drückte ihn mir in die Hand. Er war von einem Verwandten von Bonnie Prince Charlie, für den es hier sogar ein eigenes Zimmer gab. In dem Moment war ich erst mal geschockt und wollte ihm ihn zurück geben, aber er sagte, ich solle ihn ruhig anschauen, das macht nichts.

Ich hielt einen über 300 Jahre alten Brief in der Hand!!! Einfach so!!!!

Es war unglaublich.

Er förderte noch so ein paar Dinge zutage, und erzählte mir zu jedem, was es damit auf sich hatte.

Es war eine fantastische – und wirklich unglaubliche Erfahrung. Einfach mal so, Geschichte pur erleben. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich mir das wieder in Erinnerung rufe und mein Reisetagebuch von dem Tag zu Gemüte führe.

Wir gingen dann wieder runter, aber ganz ehrlich – im Angesicht dessen, was ich da gerade erleben durfte, war das andere irgendwie seltsam anzuschauen, wenn auch absolut wunderschön und äußerst interessant. Die wundervollen Decken, die sich mir auftaten, der Luxus der Räume, die teilweise wunderschönen Ölgemälde, die Kamine und die herrlichen Antiquitäten, greifbar und erlebbar!

Und gleich über mir ein Schloss am sterben, weil die Mittel fehlen, Schätze die dort langsam zerfallen, zu erhalten …

Einfach nur „stunning“ und „awesome“ (überwältigend/fantastisch und beeindruckend)

Es tut mir auch wirklich leid, dass ich keine Fotos dazu anbieten kann, aber in den meisten Schlössern darf man nicht fotografieren und ich glaube, ich sollte eher nicht den Guide, den ich dort dann gekauft hatte, fotografieren ^^. Da könnte ich ein klein wenig das Urheberrecht verletzen.

Aber im Internet seht ihr auf jeden Fall mehr: www.thirlestanecastle.co.uk

Es war einfach eine Erfahrung, die einmalig ist.

Ich hoffe, dass ich in meinem nächsten Urlaub wieder so ein Glück haben werde, sowas zu erleben. Denn als ich in diesem Urlaub 2010 alleine unterwegs war, waren da noch mehr solcher Ereignisse.

Ich dürfte im Mellerstain House ganz nach oben, um den Blick zu fotografieren. Ich wurde im Castle Fraser eingesperrt weil ich mich mit den Guides dort fest gequatscht hatte und hatte das Glück, das im Tearoom noch jemand war, der mich die Hintertür rausgelassen hat. Ich war mitten in der Pampa und eine komplette Fasanenfamilie hat direkt vor mir auf der Straße ein Treffen abgehalten. Ich hab heimlich zwei Fotos gemacht von einem Raum, der total surreal wirkte, den Sir Walter Scott entworfen hat (im Abbotsford House). Ich habe eine kleine Kirche gefunden, die falls ich jemals heiraten würde die einzige, logische Wahl wäre. Ich war unter Tage, ich wurde von Möwen in einer alten Ruine angegriffen, sodass ich mir wie in „Die Vögel“ vorkam. Ich hab 4°C und Hagel erlebt, trotzdem es der 27.05. war! Ich hab den Whisky meines Lebens gefunden, mir aber keine Flasche mitgenommen (was ich erst 1 Jahr später gemacht hatte). Ein pinkfarbenes Schloss hab ich gesehen, mit einem urigen Führer der mehr wie der Hausgeist gewirkt hat. Ich habe mich unsterblich in Dunnottar Castle verliebt. Ich hab auf meinem Bett sitzend und fernsehschauend unseren Sieg von Lena beim Eurovision gesehen (da muss ich erst nach Schottland fahren, damit wir mal gewinnen :-D).

*seufz* Ich freu mich unsäglich auf meinen Urlaub, und ich zähle die Tage, nein, die Stunden, Minuten und Sekunden bis ich wieder hinkann!!! Ich freue mich auf alles, was mich dort erwartet und hoffe, ich komme wieder mit solchen Storries nach Hause.

Eure Davina

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